ILSE – Initiative lesbischer und schwuler Eltern

Interview mit Dr. Elke Jansen (LSVD)

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Regenbogenfamilien werden auch in den Medien immer mehr zum Thema (hier eine Szene aus der US-Sitcom „Modern Family“) Bild: ABC

In den letzten Jahren haben sich „Regenbogenfamilien“ als eigenständige Familienform etabliert. Für die Kinder ist das positiv.

Im Rahmen der Hirschfeld-Tage NRW referierte Dr. Elke Jansen vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) am vergangenen Wochenende zum Thema „Vom Werden und Sein als Regenbogenfamilie – Vertrautes, Aktuelles und Ausblicke“. Sie ist fest davon überzeugt, dass Kinder bei homosexuellen Frauen oder Männern ebenso gut aufwachsen wie bei Heterosexuellen. Im Gespräch mit queer.de-Autor Marvin Mendyka erklärt die „Handlungsreisende für Regenbogenfamilien“, warum das so ist.

queer.de: Frau Jansen, der Wunsch von Schwulen und Lesben, eine Familie zu gründen, scheint in den letzten Jahren gestiegen zu sein.

Dr. Jansen: Regenbogenfamilien sind ein relativ junges Phänomen. Das liegt daran, dass Homosexualität und Elternschaft lange Zeit für weite Teile der Gesellschaft einschließlich der Homosexuellen selbst schwer miteinander vorstellbar waren. Seit einigen Jahren ist das aber kein Widerspruch mehr. In einer kleinen Umfrage des Schwulen Netzwerks gab bereits zur Jahrtausendwende jeder dritte junge Schwule und jede fünfte junge Lesbe an, einen Familienwunsch zu haben.

Von Regenbogenfamilien ist in den vergangenen Jahren immer öfter die Rede. Wie ist das zu erklären?
In den letzten Jahrzehnten sind Regenbogenfamilien in den Medien tatsächlich viel sichtbarer geworden. Es gibt inzwischen kaum mehr einen Beitrag über die Familienlandschaft in Deutschland, in dem Regenbogenfamilien nicht auftauchen. Da hat sich wirklich eine Menge verändert. Für junge Lesben und Schwule eröffnet das ganz neue Perspektiven in der eigenen Lebensplanung, weil sie Bilder vor Augen haben und schauen können, wie auch Frauen- und Männerpaare eine Familie gründen können.

Aber wie werden Regenbogenfamilien in der Gesellschaft aufgenommen?
Zu Beginn des Jahres hat eine Forsa-Umfrage zum Thema „Wie tolerant ist Deutschland?“ gezeigt, dass sich fast 90 Prozent der befragten 20 bis 39-Jährigen für die Öffnung der Ehe und ein gemeinsames Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare aussprechen. Vor zehn Jahren war es noch weniger als die Hälfte. Ein weiterer Indikator für den Wandel in der Gesellschaft mag auch der Eintrag des Begriffs „Regenbogenfamilie“ 2009 in den Duden sein. Der Begriff ist umfangreich in den Medien aufgegriffen worden und so sicher auch in unseren Köpfen angekommen. Das stimmt mich zuversichtlich!

Wenn wir von Regenbogenfamilien sprechen, stellt sich zunächst die Frage, was genau das eigentlich ist.
„Regenbogenfamilien“ haben sich in den letzten Jahren zunehmend als eigenständige Familienform etabliert, so wie Eineltern- oder Patchworkfamilien. Der Begriff bezeichnet in der Regel Mütter- und Väterpaare mit Kindern, aber natürlich auch alleinerziehende lesbische Mütter und schwule Väter. Wenn „Regenbogenfamilien“ jedoch im weiteren Sinne als Familien verstanden werden, die nicht in ein klassisches heteronormatives Schema passen, sind auch Familien mit Transeltern unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung Regenbogenfamilien.

Regenbogenfamilien umfassen somit eine Fülle familiärer Lebenswirklichkeiten, die sich z. B. durch die Genese der Kinder und die an der Erziehung beteiligten Personen unterscheiden. Es gibt Regenbogenfamilien mit leiblichen Kindern aus früheren heterosexuellen Beziehungen und solche, die z. B. durch eine Samenspende erwachsen sind mithilfe einer Samenbank oder eines privaten Samenspender oder als schwul-lesbisches „Gemeinschaftsprojekt“ in Form eine sogenannten Queerfamily. Es gibt natürlich auch Regenbogenfamilien, in denen Adoptivkinder oder Pflegekinder ein neues Zuhause finden.

Queerfamilys sind vielleicht diejenige Form einer Regenbogenfamilien, die – jenseits aller Aspekte von Hetero-/Homosexualität, Geschlechter- und Familienrollen und ’natürlicher‘ Verwandtschaft – am stärksten mit dem 200 Jahre alten Modell der bürgerlichen „Kernfamilie“ bricht. Es sind Mehrelternkonstellationen, die nicht erst durch die Trennung eines Elternpaares – wie bei Patchworkfamilien – entstehen, sondern durch einen Kinderwunsch, den lesbische Mütter und schwule Väter gemeinsam verwirklichen. So erinnern sie ein wenig an vorindustrielle Familienverbände, in denen dem gemeinsamen Erreichen von Zielen eine zentrale Bedeutung zukam, durchaus mehrere parallele Ehen „unter einem Dach“ leben konnten – wenn auch in unserem Fall nicht von Brüdern auf einem landwirtschaftlichen Gut – und die Verantwortung für Erziehung und Versorgung auf viele erwachsenen Schultern verteilt werden konnte. In einer Queerfamily sind das schnell mal zwanzig Schultern von zwei Müttern, zwei Vätern und acht Großeltern.

Elke Jansen leitet das LSVD-Projekt "Regenbogenfamilien"
Elke Jansen leitet das LSVD-Projekt „Regenbogenfamilien“

In der politischen Diskussion berufen sich Gegner von Regenbogenfamilien auf angeblich wissenschaftliche Studien. Gibt es überhaupt sachliche und repräsentative Studien zum Thema?
Im angloamerikanischen Raum wird hierzu schon seit gut 30 bis 40 Jahren geforscht. Die erste repräsentative Studie über Regenbogenfamilien in Deutschland oder genauer gesagt über Eingetragene Lebenspartnerschaften mit Kindern wurde vom Bundesjustizministerium (BMJ) bei zwei Bayrischen Staatsinstituten in Auftrag gegeben und 2009 veröffentlicht. Die Motivation der damaligen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries war es, belastbare Daten zu schaffen, die auch von strukturkonservativen Kreisen in politischen Debatten nicht in Zweifel gezogen werden konnten, wie es bis dahin mit den angloamerikanischen Studien geschah. Mit der BMJ-Studie wurde dann für statistisch und methodisch sehr fundierte klare Verhältnisse gesorgt, auf die auch das Bundesverfassungsgericht in seinen nachfolgenden Urteilen zu Lebenspartnerschaften mit Kindern nachhaltig Bezug nahm.

Und was kam bei der Studie heraus?
Zunächst einmal hat uns die Studie einiges darüber verraten, wie diese „Eingetragenen Lebenspartnerschaften mit Kindern“ aussehen. Es zeigte sich, dass zum damaligen Zeitpunkt – konservativ geschätzt – mindestens 7.000 Kinder dort aufwuchsen. Während die meisten Kinder in Regenbogenfamilien aus früheren heterosexuellen Beziehungen der Eltern stammen, sind es in Eingetragenen Lebenspartnerschaften etwas weniger als die Hälfte. Dies zeigt, dass – anders als noch vor einigen Jahren – Lesben und Schule zunehmend auch nach ihrem Coming-out ihren Kinderwunsch verwirklichen, so sie denn einen haben. In Mütterfamilien leben meist leibliche Kinder, in Väterfamilien stellt die Aufnahme eines Pflegekindes für viele den aktuell gangbarsten Weg dar, das Leben mit Kindern zu verbringen. In Metropolen scheint der Anteil der Queerfamilys recht groß zu sein. Das lässt eine Studie der Stadt Köln aus dem Jahr 2011 vermuten, die zeigte, dass sich in jeder vierten Kölner Regenbogenfamilie lesbische Mütter und schwule Väter gemeinsam um das Wohlergehen der Kinder kümmern.

Und wie steht es um die Entwicklung der Kinder aus Regenbogenfamilien? Gibt es Unterschiede zu Kindern aus anderen Familien?
Im Prinzip sind die Kinder wie alle anderen Kinder auch. Einige Unterschiede zeigten sich in der BMJ-Studie dennoch – zwei sind vielleicht am spannendsten. Zum einen zeigten die Kinder ein signifikant höheres Selbstwertgefühl als Kinder aller anderen Familienformen. Damit ist nicht gemeint, dass die Kinder kleine Egomanen sind. Sie haben eine „positive emotionale Grundhaltung“ sich selbst gegenüber. Den Selbstwert wird in der Gesundheits- und der sogenannten Resilienzforschung seit Jahren viel Bedeutung beigemessen. Wir können sagen, dass die Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften etwas mitbekommen, das sie gut gegen die „Schläge des Lebens“ schützen kann und sie „stabiler macht“.

Zum anderen zeigte sich bei den Kindern eine besonders hohe Autonomie. Autonomie wird hier verstanden als „gelungene Individuation“ – sich als eigenständige Persönlichkeit zu begreifen – bei gleichzeitig hoher emotionaler Verbundenheit mit beiden Elternteilen. Dieser Punkt freut mich ganz besonders. Ab und an kommt es vor, dass in Veranstaltungspausen jemand zu mir kommt und fragt: „Jetzt mal unter uns. Eine Mutter klammert doch schon ziemlich, aber gleich zwei Mütter? Ist das nicht zu viel des Guten?“ Die Antwort der Studie zeigt: Nein, das mit der Freiheit und der Eigenständigkeit der Kinder bekommen sie gut hin, ohne an Liebe und Zuwendung zu sparen.

In der Presse wurde damals oft getitelt, dass Schwule und Lesben die besseren Eltern wären. Was sagen sie dazu?
Das ist bis heute ein Titel, der die Aufmerksamkeit von Lesern garantiert. Alle methodisch fundierten Studien zeigen, dass die homosexuelle Orientierung eines Menschen kein Hindernis für gute Elternschaft ist. Lesbische Mütter und schwule Väter scheinen einiges richtig zu machen. Die Kinder, die hier geboren werden, sind im besten Sinne Wunschkinder, dass ist sicher nicht unwichtig. Die Mütter- und Väterpaare in Lebenspartnerschaften sind in Deutschland derzeit überdurchschnittlich gut gebildet und beruflich qualifiziert und gestalten die Verteilung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit auch nach der Geburt der Kinder sehr gleichberechtigt. Dass alles hat sicher einen Einfluss auf die wirklich sehr positiven Studienergebnisse. Natürlich gibt es auch weniger vorbildliche schwule und lesbische Eltern, denn eine homosexuelle Orientierung ist kein Garant für gute Elternschaft. Was zählt sind die sogenannten Prozesse in einer Familie, wie die Kontinuität der Zuwendung, die Fürsorge und Liebe.

Oft hört man auch Kritiker sagen, dass Lesben und Schwule zwar keine schlechteren Eltern seien, aber die Gesellschaft noch nicht so weit sei. Wie reagieren Sie darauf?
In der BMJ-Studie zeigte sich, dass weniger als die Hälfte der Kinder soziale Diskriminierung erlebt haben. Wenn, dann kamen sie in Form dummer Sprüchen durch Gleichaltrige – zu fast 90 Prozent in der Schule. Jede Diskriminierung ist natürlich eine Diskriminierung zu viel, doch es waren weit weniger als vom Beirat der Studie erwartet. Wichtiger als die Häufigkeit von Diskriminierungen ist jedoch ihre Wirkung. Hier zeigte sich, dass sie ausnahmslos ohne negative Wirkung auf die Entwicklung der Kinder blieben, auch in Fällen, in denen Kinder regelmäßig oder häufiger diskriminiert wurden. Dies wurde von der Leiterin der Kinderstudie darauf zurückgeführt, dass die Kinder konstruktiv mit den Situationen umgehen lernten und von ihren Eltern sehr gut aufgefangen wurden. Das kommt nicht von ungefähr: mehr als die Hälfte der Eltern geht proaktiv mit Diskriminierung um. Es wird nicht gewartet, bis es zu Diskriminierungserfahrungen kommt, sie führen bereits im Vorfeld mit ihren Kindern Gespräche und schauen, wie sie ihre Kinder stärken können z. B. in Rollenspielen oder durch den Austausch mit anderen Kindern aus Regenbogenfamilien.

Häufig sind Kinder aus Regenbogenfamilien sogar aufklärerisch unterwegs und stoßen bei anderen Kindern auf Neugier. „Du bist ohne Papa zur Welt gekommen? Wie geht denn das?“, wollen die anderen Kinder dann wissen. Und viele Kinder aus Regenbogenfamilien erklären dann ganz munter und selbstbewusst.

Wo gilt es denn in Zukunft besonders weiter zu forschen?
Die Abweichung von klassischen Familienkonzepten bietet Mütter- und Väterpaaren und ihren Kindern die Möglichkeit, individuelle Beziehungsstrukturen und Rollendefinitionen neu zu entwickeln, zu erproben und zu etablieren. Forschung, die sich weniger um das Besser oder Schlechter kümmert sondern der Ausgestaltung dieser Möglichkeitsräume Aufmerksamkeit schenkt, könnte allen Familien zugute kommen.

Quelle: http://www.queer.de/detail.php?article_id=21390&pk_campaign=LSVD

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